Unter den vielen Positionen der diesjährigen Art Cologne beschäftigt mich besonders der estnische Künstler Tõnis Saadoja. Begegnungen mit Kunst sind immer ein doppeltes Erlebnis: einerseits persönlich – ein stiller Dialog zwischen Betrachter und Werk –, andererseits geprägt von objektiven Qualitätsmaßstäben und der Dynamik des Kunstmarkts mit seinen eigenen Gesetzmäßigkeiten.
Warum mich Saadojas Arbeiten so unmittelbar berühren, liegt daran, dass er eine eigene, klar strukturierte Welt geschaffen hat, die zugleich auf originelle Weise die niederländischen Meister des Goldenen Zeitalters zitiert.
Diese Zeit, die aus einem Jahrhundert des Krieges und der Abspaltung vom Habsburger Reich hervorging, brachte eine neue, selbstbewusste Zivilisation hervor – ein beeindruckendes Beispiel für schöpferische Kraft aus der Krise heraus.
Gerade darin liegt für mich die tiefere Bedeutung von Saadojas Werk: eine Erinnerung daran, dass wir uns immer wieder – persönlich wie gesellschaftlich – zur Geisteshaltung des mutigen Gestaltens durchringen können. Auch in Momenten größter Disbalance gilt es, neue Formen von Balance zu denken, das Wagnis einzugehen, aus dem Dunklen nicht Wut, sondern Mut zu schöpfen.
Tütar galerie (Tallinn, Estland) at Art Cologne hall 11.2 booth N 15.
Christine Gironcoli
Kai Middendorff Galerie